Frühlings Erwachen
von Frank Wedekind / RegieKritik
„Pleva lässt Texte von heute mit einfließen, in denen sich die Jugendlichen mit Fragen der Klimakatastrophe, mit Ungerechtigkeiten und mit Genderzuschreibungen beschäftigen. So schafft es Pleva mit dem tollen Ensemble und einer riesigen Menge an überbordender Experimentierlust eine intensive Collage über Lebensfragen, die nicht nur Jugendliche beschäftigen sollten, aus Wedekinds Vorlage zu gestalten. Für das Publikum des Ernst Deutsch Theaters war diese Herangehensweise mit ihrem Spaß auch am Unfertigen, am Ausprobieren und am Improvisieren allerdings eine Herausforderung, die manche überforderte. Dies ist eine Inszenierung, der man viele junge Leute im Publikum des Ernst Deutsch Theaters wünschen würde.“
Birgit Schmalmack
(hamburgtheater.de)
Frühlings Erwachen
von Frank Wedekind
Ernst Deutsch Theater / 2023
Mit Alina Hidic, Maximilian Kurth, Ivo Masannek, Felix Oitzinger, Anton Pleva, Linda Stockfleth, Denise Teise
Regie Anton Pleva
Ausstattung Timo von Kriegstein
Video Kai Wido Meyer
Musik und Sounddesign Henrik Demcker
Clowning Harry Fuhrmann
Dramaturgie Stefan Kroner
Regieassistenz Cesca Carniéer
Inhalt
Sechs junge Menschen finden ein Reclam von „Frühlings Erwachen“:
Langweilig!
Ist Wedekinds Ideologiekritik an Erziehung und Prüderie im wilhelminischen Zeitalter noch Zeitgemäß? „Kann man das noch Spielen?“ Sie beginnen das Stück zu lesen und die Grenzen zwischen damals und heute verschwimmen. Der Leistungsdruck bleibt bestehen, die Lehrer:innen verhalten sich wie Clowns und die Ideologie der Eltern ist immer noch unangreifbar. Es öffnet sich ein Blick auf die gegenwärtige Unfähigkeit von einer kapitalistischen Wachstums- und Konkurrenzideologie Abstand zu nehmen. Eine Ideologie die offensichtlich den ganzen Planeten in den Abgrund reißt.
Frank Wedekind kritisierte eine Erziehungsmoral, die auf Zucht und Ordnung basiert und in zwei mörderische Weltkriege führte — heute sind wir Teil einer menschenverachtenden Leistungsgesellschaft, die eine irreversible Klimakatastrophe hervorruft. Der Blick der Schauspieler:innen auf den „verstaubten“ Text stellt die Verbindung ins Heute her: Hier wie dort eine Ideologie die Jugendliche benachteiligt und ihre Zukunft gefährdet.
Textauszug
EINS
Martha (liest) Das Kleid ist nicht zu lang, Wendla. Du darfst doch als ausgewachsenes Mädchen nicht in Prinzesskleidchen einhergehen.
Wendla (liest) Jedenfalls steht mir mein „Prinzesskleidchen“ besser als diese „Nachtschlumpe“. — Prinzesskleidchen? Nachtschlumpe? Was reden die?
Melchior Das Prinzesskleidchen ist ein körperbetontes in der Taille eng anliegendes Kleid ohne Taillennaht. Wendla wird — naja, erwachsen — und die Mutter hat Angst das sie ihre Sexualität entdeckt.
Martha Du bist so ein Mansplainer, Melchior.
Moritz Könnt ihr damit Aufhören, ich hasse Schule!
Melchior Das Thema ist total interessant. Es geht nicht einfach um sexuelle Aufklärung, sonder darum, dass Erwachsene immer wieder zwanghaft ihre Ideologie verteidigen.
Moritz Okay. Das ist wie wenn den Jugendlichen heute von allen Seiten erzählt wird, dass Wettbewerb und Konsum zu gutem führt in dieser Welt.
Martha Oder dass unendliches Wachstum nicht in einer Klimakatastrophe endet. Ilse Und die Schüler:innen doch bitte Freitags wieder zur Schule gehen sollen, weil sie sowieso keine Ahnung haben.
Melchior Ja genau. Aber die Erwachsenen müssen ihre offensichtlich ins Verderben führende Ideologie unbedingt aufrecht erhalten, um nicht als die Dummen da zu stehen — egal was daraus resultiert. Der wilhelminisch-militärische Gesellschaftsentwurf zur Zeiten Wedekinds führte dann direkt in zwei mörderische Weltkriege.
Martha Und der heutige in die Klimakatastrophe.
Hänschen Das steht alles in dem Text?
Melchior Naja, halt zwischen den Zeilen.
Alle Buuuuh.